Am 31. Oktober 2026 verabschiedet sich Dr. Argiris Vassiliadis in den Ruhestand – nach dann beinahe 40 Jahren als Leistungsdiagnostiker am Olympiastützpunkt (OSP) NRW/Rheinland. Im Interview beschreibt er unter anderem, wie sich sein Tätigkeitsfeld weiterentwickelt hat und welche besonderen Erlebnisse er in dieser langen Zeit hatte.
Sie sind am OSP NRW/Rheinland für den Bereich Leistungsdiagnostik/Physiologie tätig. Welche Aufgaben und Tätigkeiten sind damit im Einzelnen verbunden?
Dr. Argiris Vassiliadis: Der OSP ist Dienstleister für die Sportverbände. Das bedeutet, es bestehen Kooperationsvereinbarungen, in deren Rahmen ich für die physiologische Leistungsdiagnostik zuständig war. Das geschieht zum Beispiel durch Testungen auf dem Laufband, sportartspezifische Tests, Wettkampfkontrollen oder Blutanalysen. Außerdem war ich für die Koordination der sportmedizinischen Maßnahmen in Zusammenarbeit mit dem Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule Köln verantwortlich. Das Institut ist Kooperationspartner des OSP; hier befindet sich seit 1987 auch mein Arbeitsplatz. Darüber hinaus war ich in die Beratung zu spezifischen Ernährungsfragen involviert. In der langen Zeit habe ich natürlich auch viele wissenschaftliche Arbeiten und Projekte mitbetreut.
Was bereitet Ihnen an Ihrer Tätigkeit besonders viel Freude?
Dr. Argiris Vassiliadis: Es motiviert mich sehr, gemeinsam mit Trainerinnen und Trainern sportliche Höchstleistungen zu planen und zu erreichen. Dazu zählen Deutsche Meisterschaften, Qualifikationswettkämpfe, Europameisterschaften, Weltmeisterschaften und natürlich Olympische Spiele. Es ist eine tolle Aufgabe, Sportlerinnen und Sportler über viele Jahre hinweg zu betreuen und eng mit deren Trainerteam zusammenzuarbeiten. Unser gemeinsames Ziel besteht darin, bei bestimmten Wettkämpfen eine Topleistung zu erzielen und möglichst die Besten der Welt zu sein. Das erfordert eine akribische Arbeit – und nach Möglichkeit eine Betreuung gewissermaßen rund um die Uhr. Anlässlich von Welt- und Europameisterschaften, die im Wechsel alle zwei Jahre stattfinden, erstellen wir jeweils eine konkrete Planung und versuchen dann, diese optimal umzusetzen. Zwischenkontrollen helfen uns dabei zu beurteilen, ob wir Anpassungen vornehmen müssen, um unser Ziel zu erreichen.
Ende Oktober 2026 verabschieden Sie sich in den Ruhestand – nach dann fast 40 Jahren, in denen Sie für den OSP tätig waren. Mit welchen Gefühlen beenden Sie Ihre Arbeit?
Dr. Argiris Vassiliadis: Ich empfinde eine große Dankbarkeit für diese sehr intensive, spannende und erfahrungsreiche Zeit. Ich treffe immer noch Sportlerinnen und Sportler, die ich schon 1987 oder 1988 betreut habe – mit einigen von ihnen bin ich bis heute eng befreundet. Kürzlich erreichte mich zudem die Einladung einiger ehemaliger Bundestrainer, die sich im Kreis langjähriger Weggefährten treffen wollen. Für diese beständigen Kontakte bin ich sehr dankbar. Gleichzeitig bin ich erleichtert und zufrieden, dass ich meine Aufgaben zum großen Teil erfolgreich erfüllen konnte. Ich hatte das Glück, seit 1987 durchgehend im Dienst zu sein; ich bin nie länger ausgefallen, und es gab keine großen Rückschläge, sondern es lief alles kontinuierlich gut. Es gibt mir ein sehr gutes Gefühl zu wissen, dass die Sportlerinnen und Sportler auch in Zukunft hervorragend betreut werden.
Sie werden dabei auch noch ein wenig unterstützen …
Dr. Argiris Vassiliadis: Ich werde dem OSP und dem Institut für anstehende Projekte in jedem Fall erhalten bleiben und meinen Nachfolger in der Anfangszeit bei Bedarf begleiten. Er übernimmt ab dem 1. November, und bis sich alle Abläufe perfekt eingespielt haben, dauert es naturgemäß etwas.
Welche Ereignisse oder Erlebnisse aus dieser langen Zeit sind Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben?
Dr. Argiris Vassiliadis: In den 39 Jahren gab es natürlich viele Momente, an die ich mich gerne erinnere. Als ich im November 1987 anfing, war ich ein junger Doktorand und bekam direkt die Gelegenheit, mit Olympiasiegerinnen, Medaillengewinnern und anderen herausragenden Persönlichkeiten zusammenzuarbeiten. Ich denke da zum Beispiel an den Judoka Frank Wieneke, die Leichtathleten Dieter Baumann und Ralf Lübke oder den Fechter Arnd Schmitt. Ich war natürlich nicht ihr Hauptbetreuer, aber ich durfte einen Teil dazu beitragen. Bei vielen von ihnen die Leistungsdiagnostik durchführen zu dürfen – das war für mich ein absoluter Traum! Ich hatte das Glück, in einer sportlich starken Region tätig zu sein, an einem hervorragenden Institut zu promovieren und für einen starken OSP zu arbeiten. Auch im laufenden Jahr 2026 gab es viele Bestleistungen von Sportlerinnen und Sportlern, die ich betreuen durfte, darunter etliche Medaillengewinne bei Welt- und Europameisterschaften. Das sind alles Erlebnisse, die unvergessen bleiben.
Was hat sich in den fast vier Jahrzehnten am OSP in besonderer Weise verändert bzw. wo gab es die größten Entwicklungen?
Dr. Argiris Vassiliadis: 1987 gab es noch keinen fest angestellten Trainingswissenschaftler am OSP. Die trainingswissenschaftliche Betreuung lief damals vor allem in Kooperation mit den Hochschulen. Ich sollte damals als wissenschaftlicher Mitarbeiter auf Honorarbasis etwa 18 Aktive betreuen – vorwiegend aus der Leichtathletik und dem Fechten. Heute sind am OSP allein vier Trainingswissenschaftler und Trainingswissenschaftlerinnen im Bereich Physiologie tätig, darüber hinaus vier Trainingswissenschaftler im Bereich Biomechanik, mehrere Athletiktrainer und zweieinhalb Stellen in der Laufbahnberatung. Auch die Möglichkeiten der sportpsychologischen Beratung haben sich erheblich verbessert. Zudem kooperiert der OSP mit mehreren Physiotherapiepraxen sowie Kliniken, sodass wir die Sportlerinnen und Sportler mittlerweile in allen Fachgebieten medizinisch optimal versorgen lassen können – von der Orthopädie und Inneren Medizin über die Gynäkologie bis hin zur Onkologie. Die Betreuung hat sich in allen Bereichen positiv weiterentwickelt. Der Leistungssport insgesamt hat in Deutschland einen großen Schritt nach vorne gemacht, und wir werden in der Zukunft sicherlich weitere große internationale Erfolge erleben.
Was erhoffen Sie sich für die Zukunft speziell für den Bereich Leistungsdiagnostik/Physiologie?
Dr. Argiris Vassiliadis: Die physiologische Leistungsdiagnostik wird sich kontinuierlich weiterentwickeln – unter anderem durch neue Analysemöglichkeiten, moderne Geräte, KI-Unterstützung, eine noch engere Zusammenarbeit der Leistungsdiagnostiker in Deutschland und die stetige Erweiterung des Fachwissens. Die Rahmenbedingungen sind bereits sehr gut. Die Geräte, die heute zum Einsatz kommen, sind deutlich besser als vor 40 Jahren. Man arbeitet viel schneller und erhält zuverlässige Ergebnisse. Während früher ein großes, externes Labor für bestimmte Untersuchungen notwendig war, verfügt heute quasi jeder OSP über eine eigene moderne Ausstattung. Weiterkommen werden wir in Zukunft aber nur über eine noch stärkere Kooperation. Die Leistungsdiagnostikerinnen und -diagnostiker in Deutschland haben bereits mehrmals im Jahr die Möglichkeit, sich gezielt auszutauschen. Zudem sind die Kolleginnen und Kollegen in Nordrhein-Westfalen eng vernetzt, und es bestehen enge Partnerschaften mit verschiedenen renommierten Hochschulen. Dies gilt es weiter auszubauen.
Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für Ihren neuen Lebensabschnitt!
Das Gespräch führte Dr. Claudia Pauli.
Bilder: Peter Eilers / TSV Bayer 04 Leverkusen / Team D Paralympics / privat
Dr. Argiris Vassiliadis wird von denjenigen, mit denen er zusammenarbeitet(e), nicht allein fachlich, sondern auch menschlich äußerst geschätzt. Einige langjährige Weggefährtinnen und Weggefährten würdigen ihn nachfolgend in besonderer Weise:
Melanie Kraus, Olympiateilnehmerin 2008 im Marathon:
„Mit Argiris verbindet mich eine ganz besondere und sehr lange Geschichte. Er hat mich begleitet, seit ich 17 Jahre alt war – von meiner ersten Sportuntersuchung an der Deutschen Sporthochschule Köln bis zu meinem 37. Lebensjahr, als ich meine Karriere als Marathonläuferin beendet habe. Jeder, der Argiris kennt, weiß: Er ist kein Mann der vielen Worte. Dennoch war er bei all meinen wichtigen Marathons in Deutschland akkreditiert und an meiner Seite. Wenn wir uns vor einem Rennen verabschiedeten, sagte er immer lächelnd: „Mela, bis gleich!“ Ich erinnere mich gut an meinen überraschenden Sieg beim Frankfurt-Marathon. Nach dem Zieleinlauf bin ich direkt weiter und zu ihm gelaufen. Dort stand er mit seiner blauen Kühltasche und war genauso gerührt wie ich. Viele Worte brauchten wir in diesem Moment nicht – wir machten einfach ‚unsere Laktatabnahme‘.
Argiris hat bei seiner Arbeit immer den Menschen gesehen – nicht nur die sportliche Leistung. Das hat mir sehr gutgetan und ist im Leistungssport keineswegs selbstverständlich. Er fragte zum Beispiel regelmäßig, wie mein Studium oder meine Arbeit läuft und hielt den Kontakt auch nach meiner Leistungssportkarriere. In schweren Verletzungsphasen – und davon gab es bei mir leider reichlich – glaubte er an mich und unterstützte mich dabei, Termine bei Ärzten und Physiotherapeuten zu bekommen. Dann sagte er: „Mela, schauen wir nach vorne!“ oder gab mir seinen typischen Satz: ‚Konzentrieren wir uns auf die Orthopädie.‘ Ohne seine Unterstützung hätte ich den Leistungssport wahrscheinlich mehrmals beendet. Ich habe ihm sehr viel zu verdanken – unter anderem, dass ich es nach einer langen und schwierigen Verletzungsphase 2007 zur Weltmeisterschaft nach Osaka und 2008 zu den Olympischen Spielen geschafft habe.
Die Weltmeisterschaft 2007 in Osaka war nach langer Zeit wieder ein Einsatz für die Nationalmannschaft. Temperaturen von 30 Grad und eine sehr hohe Luftfeuchtigkeit waren extrem schwierige Bedingungen für einen Marathon. Bei anderen Ausdauerwettbewerben waren bereits mehrere Sportler kollabiert. Deshalb diskutierten unsere Ärzte vor Ort, ob und unter welchen Voraussetzungen sie uns überhaupt starten lassen konnten. Diese Situation verunsicherte mich sehr, und ich rief Argiris aus Japan an. Er nahm ab und fragte: ‚Mela, wo bist du? Ich dachte, du seist in Japan?‘ Wir mussten beide lachen, als ich ihm sagte, dass ich tatsächlich dort sei, und ihm die Situation schilderte. Mit seiner ruhigen Art sprach er mir Mut zu und half mir, meinen Fokus wiederzufinden. Ich bestritt das Rennen erfolgreich und erreichte als Zwanzigste das Ziel. Damit hatte ich zugleich die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Peking geschafft.“
Paul-Heinz Wellmann, ehemaliger Leichtathletiktrainer:
„Argiris war von der ersten Stunde an am Olympiastützpunkt tätig. Ich war damals schon als Trainer aktiv, u. a. beim TSV Bayer 04 Leverkusen und beim Deutschen Leichtathletik-Verband. Seit 2017 befinde ich mich nun im Ruhestand, aber bis dahin hatten wir immer Kontakt – auch als ich später Geschäftsführer der Leichtathletikabteilung des TSV Bayer 04 Leverkusen war. Ich weiß nicht, wie viel Liter Blut Argiris in dieser langen Zeit unseren Athletinnen und Athleten am Ohr abgezapft hat … (lacht). Wir hatten viel miteinander zu tun. Dass jemand, der die Blutanalyse bzw. Leistungssteuerung gemacht hat, damals selbst noch aktiver Sportler war, hat einen besonders guten Austausch ermöglicht.
Ihn hat immer seine Bereitschaft, sofort zu helfen, ausgezeichnet. Viele Athletinnen und Athleten sind ihm sehr dankbar dafür, dass er oftmals sehr kurzfristig bei der Blutanalyse unterstützt hat. Er war mit uns auch oft im Trainingslager und hat uns bei vielen Deutschen Meisterschaften als Leistungsdiagnostiker begleitet. Argiris ist eine tolle, ruhige Person, die mit den Athletinnen und Athleten viel Kontakt hatte und auch anders mit ihnen sprechen konnte als ich in meiner Funktion als Trainer.
Bemerkenswert ist nicht zuletzt, wie schnell er die Ergebnisse immer vorliegen hatte. Er hat sich mit der Ergebnisanalyse manchmal regelrecht überschlagen. Im Trainingslager hat er den Athletinnen und Athleten morgens Blut abgenommen und abends konnte er uns schon die Ergebnisse mitteilen. Es war in jedem Fall etwas Besonderes, mit ihm zusammenarbeiten zu dürfen, und ich bin Argiris sehr dankbar für die sehr gute, kollegiale, freundschaftliche Zusammenarbeit.“
Prof. Dr. Georg Predel, langjähriger Leiter des Instituts für Kreislaufforschung und Sportmedizin:
„Argiris ist für mich ein Mitarbeiter, der in besonderer Weise für Loyalität, Zuverlässigkeit und Kompetenz steht. Über die vielen Jahre unserer Zusammenarbeit konnte ich mich jederzeit uneingeschränkt auf ihn verlassen.
Seine Expertise, sein Verantwortungsbewusstsein und seine persönliche Integrität machen ihn zu einem außergewöhnlich wertvollen Mitarbeiter und geschätzten Wegbegleiter.
Dafür gebührt ihm meine ausdrückliche Anerkennung und mein herzlicher Dank.“
Johannes Floors, aktiver Para-Leichtathlet:
„Ich darf mit Argiris zusammenarbeiten, seit ich in Leverkusen bin und Leichtathletik mache – also seit mehr als zwölf Jahren. Er ist ein wundervoller Mensch, die Kontakte mit ihm sind immer sehr schön. Er macht sich viele Gedanken um die Athletinnen und Athleten. Obwohl er nicht unser Trainer ist, sind wir sozusagen seine ‚Schützlinge‘. Er ist immer bestrebt, etwas noch besser zu machen, und fragt uns, was wir brauchen. Argiris ist zumeist auch die erste Anlaufstelle, wenn es um die Terminkoordination bei weiteren Ärzten geht, etwa beim Orthopäden oder um ein MRT machen zu lassen. Er ist für mich ein ganz, ganz wertvoller Mensch! In Argiris‘ Büro zu kommen, bedeutet immer eine Wohlfühlatmosphäre. Man kann dort frei reden, es ist ein geschützter Raum. Ich weiß, dass meine Themen bei Argiris gut aufgehoben sind.“
Günter Wallraff, Journalist und Hobby-Marathonläufer:
„Argiris wurde im Laufe der Zeit, in der er mich sportlich betreute, einer meiner besten Freunde. Ich lernte ihn 1995 über Ulrich Eicke, den Olympiasieger von 1984 im Einer-Canadier und ehemaligen Leiter des Olympiastützpunktes, kennen. Nicht allein zu sportlichen Fragen hat er mich beraten, ich schätze ihn vor allem auch als Ganzheitsmenschen.
Immer wieder haben wir beispielsweise über seine Heimat Griechenland gesprochen, wo ich 1974 in Athen mit einer Flugblatt-Aktion gegen das griechische Obristenregime protestierte, in deren Folge ich nach Folterverhören von einem Militärgericht zu 14 Monaten Gefängnis verurteilt wurde.
In meiner Jugend wurde ich bei den Deutschen Jugendmannschaftsmeisterschaften über 1.000 Meter Dritter. Als ich älter wurde, hatte ich mir nach einigen Marathon-Läufen vorgenommen, den Ironman auf Hawaii zu schaffen, und habe dafür intensiv trainiert. Zum Glück hat mich Argiris bei meinem Vorhaben gebremst.
Ich habe Argiris als äußerst kompetenten, hilfsbereiten, bescheidenden und uneitlen Menschen erlebt, der seinen Sportlerinnen und Sportlern gegenüber immer loyal ist. Er ist stets mit Herz, Blut und Verstand bei der Sache – kurzum ein gewissenhafter Leistungsdiagnostiker, dem die Gesundheit seiner Schützlinge das Wichtigste ist und sie davor bewahrt, es zu übertreiben.
Ich erlebte ihn als die eigentliche Stütze im Olympiastützpunkt, denn er steht den Athletinnen und Athleten, die sich ihm anvertrauen, nicht allein im Sportlichen, sondern bis ins Private mit Rat und Tat zur Seite. Er sieht den Menschen im Gesamtzusammenhang und nicht nur deren Blutwerte. Übrigens habe ich durch ihn gleich mehrere Menschen kennengelernt, die mir besonders wichtig sind und die mich – zum Beispiel medizinisch – bis heute hervorragend betreuen.“
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